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Der Nanodialog kämpft um Glaubwürdigkeit  

Technikakzeptanz: Der Nanodialog in der Nanokommission der Bundesregierung kommt nur langsam voran. Verbraucher- und Umweltschützer verlangen mehr Information über verbrauchernahe Produkte. Kriterien zur Chancen- und Risikoabwägung fehlen weiterhin. Nun soll das neue Leitbild "Green Nano" die Akzeptanz einiger Nanoprodukte erhöhen. VDI nachrichten, Berlin, 5. 3. 10, ber

Die Nanokommission der Bundesregierung diskutiert Risiken und Chancen der Nanotechnologie anhand falscher Beispiele, befürchtet Rolf Buschmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Die drei Beispiele sind Kohlenstoffröhrchen zur Stabilisierung von Rotorblättern von Windrädern, eine UV-Licht filtrierende Beschichtung für Markisen und eine schmutzabweisende Arbeitskleidung.

"In diesen Produkten sind Nanopartikel meist fest in eine Matrix eingebunden", sagte Buschmann Mitte Februar auf dem Dialogforum in Berlin, auf dem die Nanokommission über den Diskussionsstand ihrer zweiten Arbeitsphase von 2009 bis 2011 berichtete.

Sinnvollere Fallbeispiele hingegen wären für Buschmann Fensterreiniger oder Rieselhilfen in Salz, die Nanopartikel aus Siliziumdioxid enthalten, sowie Socken, die mit dem Biozid Nanosilber schweißzersetzende Keime abtöten. "Wir sind aber auf die Mitarbeit der Industrie angewiesen", erklärte Michael Jung, Leiter der Arbeitsgruppe "Nutzen- und Risikopotenziale von Nanoprodukten". Jung rief die Wirtschaft dazu auf, mit der Nanokommission offen über weitere vor allem verbrauchernahe Anwendungsbeispiele zu diskutieren.

Auf dem Dialogforum wurde deutlich, dass die Diskussion um den verantwortungsvollen Umgang mit Nanomaterialien erst langsam vorankommt. Ein Beispiel: Eine Arbeitsgruppe soll Kriterien entwickeln, um Nutzen und Risiken wissenschaftlich nachvollziehbar, transparent und verständlich bewerten zu können. "Wirkliche Fortschritte fehlen aber noch", bemängelte Buschmann.

Strittig ist das Prinzipienpapier zum verantwortungsvollen Umgang mit Nanomaterialien. In dem Dokument haben Teilnehmer der ersten Runde des Nanodialogs Ende 2008 festgelegt, wie etwa Firmen sicher mit Nanopartikeln umgehen und dass sie Behörden und Öffentlichkeit informieren sollen.

"Kein Unternehmen hat dieses Prinzipienpapier aber unterzeichnet oder sich öffentlich dazu bekannt", stellte Wilfried Kühling vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fest. Weiterhin sei also nicht transparent, welche Unternehmen mit welchen Nanomaterialien umgehen.

"Das Prinzipienpapier ist keine Selbstverpflichtung der Wirtschaft", entgegnete Gerd Romanowski, Geschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). Er verweist auf betriebseigene Leitfäden der Firmen BASF, Bayer Material Science und Evonik sowie auf vier allgemeine VCI-Leitfäden.

"Diese Leitfäden haben eine gewisse Verbindlichkeit", erklärte Romanowski. Muss ein Gericht einmal darüber entscheiden, ob ein Betrieb vernünftig mit Nanopartikeln umgegangen ist, wird es sich an diesen Branchenempfehlungen orientieren.

Und Carolin Kranz von BASF ergänzte, auch wenn eine Firma sich nicht auf ihrer Webseite über Leitfäden äußert, "bedeutet das nicht, dass sie sich nicht an den Prinzipien orientiert".

Neuen Schwung kann "Green Nano" bringen, hofft Wolf-Michael Catenhusen, Leiter der Kommission. Sein Vorbild sind die zwölf Prinzipien des Leitbilds "Green Chemistry", das 1998 in den USA entwickelt wurde. Zu diesen Prinzipien zählen, Energie, Rohstoffe und Abfälle einzusparen, sicher zu produzieren und möglichst auf gefährliche Substanzen zu verzichten.

Ein nanospezifisches Kriterium könnte sein, ob Nanopartikel fest in einer Matrix fixiert oder beweglich sind und damit eingeatmet werden können, meinte Klaus-Günther Steinhäuser, Leiter der Fachbereichs Chemikaliensicherheit im Umweltbundesamt.

Die Wissenschaft kann hier Unternehmen bald unter die Arme greifen. Forscher entwickeln Screeningtests, um schnell abschätzen zu können, ob ein Material spezifisch mit Mensch oder Umwelt wechselwirkt, sagte der Materialwissenschaftler Lutz Mädler von der Universität Bremen. Er selbst arbeitet an Wegen, Nanopartikel gezielt zu verändern, so dass sie eventuell weniger gut in Zellen eindringen können.

Die Chemieindustrie unterstützt das neue Leitbild. VCI-Geschäftsführer Romanowski wehrt sich aber gegen das Wort "grün": "Dies schränkt die Debatte auf den ökologischen Teilaspekt ein und vernachlässigt ökonomische und soziale Gesichtspunkte." Man sollte sich jedoch mehr um die Sache und weniger um Worte streiten, meint Steinhäuser. Das Wort "grün" sei zwar möglicherweise missverständlich, ist aber eingängig und wird etwa auch in Green IT (also grüne Informationstechnologie) benutzt.

Die weitere Debatte um grüne - oder besser nachhaltige - Nanotechnologie wird spannend. Es stellt sich etwa die Frage, ob jene Lebensmittelverpackungen nachhaltig sein können, die Nanopartikel enthalten, damit Ware sowohl länger frisch bleiben als auch länger transportiert werden kann. Solche Verpackungen hält Patricia Cameron, BUND, nicht für nachhaltig: "Sie widersprechen dem Gedanken der lokalen Vermarktung." RALPH AHRENS

Weitere Informationen - zu den Ergebnissen der ersten Nanokommission: www.bmu.bund.de/NanoKommission - zu den Vorträgen auf dem Dialogforum: www.oekopol.de/de/aktuell/nano/ Programm.php

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