VDI nachrichten, Düsseldorf, 7. 11. 08, has - Nicht in der fehlenden Haftung, in Gier oder einer mangelnden Aufsicht sieht der Ökonom Heinz-J. Bontrup von der FH Gelsenkirchen die Ursache für die Krise an den Finanzmärkten, sondern in der weltweiten Umverteilung des Volkseinkommens zugunsten der Gewinne.
VDI nachrichten: Herr Bontrup, die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, der Sie angehören, warnt schon seit Längerem vor einer Finanzmarktkrise. Fühlen Sie sich jetzt bestätigt?
Bontrup: Wir fühlen uns bestätigt. Dass es aber so schlimm kommen würde, hätten wir nicht gedacht.
VDI nachrichten: Warum haben Kapitalmarktforscher nicht schon früher Alarm geschlagen?
Bontrup: Weil viele davon überzeugt sind, dass freie Märkte ohne Staatseingriffe effizient sind und zum Gleichgewicht tendieren. Solche Krisen, wie wir sie jetzt erleben, sind in der Theorie aber nicht vorgesehen. Die Wirtschaftswissenschaft hat sie wegdefiniert und ist deshalb auch mitverantwortlich für die schlimme Entwicklung an den Finanzmärkten. Es ärgert mich besonders, dass diejenigen Ökonomen und Politiker, die von Staatseingriffen bis vor Kurzem noch nichts wissen wollten, sich jetzt als Feuerwehrleute aufspielen und Verluste sozialisieren.
VDI nachrichten: In der öffentlichen Debatte werden mehrere Erklärungen für die Finanzmarktkrise angeboten: fehlende Haftung, Gier oder schwindendes Vertrauen. Welche halten Sie für ausschlaggebend?
Bontrup: Diese Aspekte spielen sicher eine Rolle. Die Finanzmanager haben das System bedient und die Gier geschürt. Auch ist das Vertrauen zwischen den Banken und auch bei den Anlegern geschwunden. Die Krise aber zu personalisieren und als eine Vertrauenskrise zu erklären, wie es der frühere Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer macht, greift viel zu kurz.
VDI nachrichten: Welche Erklärung haben Sie?
Bontrup: Die entscheidende Ursache wird nicht diskutiert. Sie liegt in der großen Umverteilung in den vergangenen Jahren. Weltweit ist der Anteil der Gewinne am Volkseinkommen weitaus stärker gestiegen als der Anteil der Löhne.
VDI nachrichten: Was hat das mit der Finanzkrise zu tun?
Bontrup: Diese Gewinne wurden nur zu einem Teil wieder investiert und flossen nur in diesem Umfang in die Realwirtschaft zurück. Der Rest kursierte an den Börsen weltweit. Hinzu kommt, dass durch Steuer- und Abgabensenkungen für Reiche und durch eine forcierte Privatisierung der Rentenversicherungen diese Spekulationsmassen noch vergrößert wurden. In Deutschland trägt dazu die Teilprivatisierung mit der Riesterrente bei. Ein Vergleich kann das veranschaulichen: 1980 war der Wert der weltweit produzierten Güter und Dienstleistungen noch größer als das weltweit gehandelte Finanzvermögen. Heute hat sich das Verhältnis umgekehrt: Da muss die gesamte Weltbevölkerung 3,5 Jahre arbeiten, um Güter und Dienstleistungen zu produzieren, die dem Wert des zirkulierenden Finanzvermögens entsprechen.
VDI nachrichten: Wenn Manager mit ihrem privaten Vermögen haften würden, wäre dieses Desaster gar nicht erst eingetreten.
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