Nanotechnologie: Kommende Woche stellt die NanoKommission der Bundesregierung in Berlin ihre Beiträge zum Dialog um Chancen und Risiken von Nanotechnologien vor. Die VDI nachrichten sprachen mit Wolf-Michael Catenhusen, dem Vorsitzenden der NanoKommission, über Strategien eines verantwortungsvollen Umgangs mit Nanotechnologien. VDI nachrichten, Düsseldorf, 12. 2. 10, moc
VDI nachrichten: Am kommenden Mittwoch stellt die die NanoKommission der deutschen Bundesregierung in Berlin ihre Arbeit vor. Welche Ziele vertritt sie?
Catenhusen: Ziel ist, im Dialog der wichtigsten Stakeholder die Entwicklung der Nanotechnologie zu begleiten und Instrumente für einen verantwortlichen, vom Prinzip der Vorsorge getragenen Umgang zu entwickeln.
Sind wir da weiter als andere Länder? In Frankreich hat es ja Demonstrationen gegen die Nanotechnik gegeben.
Durch die frühe Etablierung der NanoKommission haben wir es geschafft, dass seit 2006 die Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit einen intensiven Gedankenaustausch führen und nach gemeinsamen Wegen suchen. Das mag auch bewirkt haben, dass schwierige Fragen nicht auf der Straße ausgetragen wurden.
Dennoch sorgen auch bei uns etwa Studien wie die des Umweltbundesamtes vom vergangenen Herbst oder jüngste Veröffentlichungen des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag für Sorgen über potenzielle Risiken der Nanotechnik für Mensch und Umwelt.
Es gibt unter den Beteiligten der NanoKommission einen Konsens, dass es nicht um die Frage geht: Ist Nanotechnologie schlechthin gefährlich oder nicht? Allen ist bewusst, dass es im Einzelfall Probleme für Mensch und Umwelt geben kann. Wir suchen deshalb nach Wegen, wie sich die Methodik der Risikobewertung verbessern lässt. Und wie wir mit begrenztem Wissen vorsichtig und verantwortlich mit diesen Materialien umgehen.
Wie geschieht das?
Wenn bestimmte Stoffe in einem besonderen Anwendungsfall etwa den Weg in die Lunge nehmen könnten, dann wissen wir, dass wir frühzeitig gesundheitliche Auswirkungen solcher Stoffe untersuchen müssen. Das ist ja etwa bei Carbon Nanotubes geschehen.
Die ersten, die mit diesen Materialien in Berührung kommen, sind ja die, die sie herstellen.
Im Bereich Arbeitsschutz sind, etwa im Projekt Nanocare, schon frühzeitig Untersuchungen angelaufen. Hier sind wir auf einem guten Weg. Was noch fehlt, ist die Messtechnik zur präzisen Bestimmung der Belastung. Hier wurden zum Umgang mit unterschiedlichen Produktgruppen jeweils spezifische Richtlinien erlassen.
Wie steht es mit der Verfolgung der möglichen Risiken über den gesamten Lebenszyklus der Produkte?
Die Risikoforschung über den gesamten Lifecycle muss ganz sicher noch ausgebaut werden. Da sind sich alle großen Industrienationen einig. Dabei geht es auch um Anreicherungsprozesse in der Umwelt, ein Beispiel ist das Nanosilber, das derzeit sehr breit, aber noch in geringen Mengen, eingesetzt wird.
Was halten Sie davon, Produkte mit Nanopartikeln deutlicher zu kennzeichnen.
Die NanoKommission hat eine unabhängige Datenbank mit Informationen zu auf dem Markt befindlichen Produkten vorgeschlagen. Es gibt derzeit noch kein Register, weder in Deutschland noch in der EU.
Wird das kommen?
In der EU wird diskutiert, ein verpflichtendes Produktregister aufzubauen. Hier sollten auch die importierten Produkte aufgenommen werden. Dazu könnten in den nächsten zwei bis drei Jahren politische Entscheidungen fallen. Noch ist die Zahl der Produkte ja überschaubar.
Könnte ein derartiges Register nicht dem Wettbewerb schaden, weil so jeder sieht, was die Konkurrenz verwendet?
Die Frage ist, wie umfassend Daten offenzulegen sind - da kann man Unterschiede zwischen Genehmigungsbehörden und Öffentlichkeit machen. Hier wird es auch in der NanoKommission schwierig sein, mit allen Stakeholdern zu einer gemeinsamen Sicht der Dinge zu kommen.
Wie sieht es mit der Kennzeichnung der Endprodukte aus, damit der Konsument eine gewisse Orientierung hat?
National macht eine Kennzeichnung wenig Sinn. Und in der EU-Kommission gibt es keine Unterstützung für eine generelle Kennzeichnung. Einen Computer zu kennzeichnen, nur weil er nanostrukturierte Chips hat, macht wenig Sinn. Also sollte man sich auf Produktgruppen konzentrieren, wo Nanopartikel unmittelbar auf den Menschen einwirken können. Die EU hat ja gerade eine Kennzeichnungspflicht bei Kosmetika beschlossen, das Europäische Parlament will diese auch für Nahrungsmittel und ihre Verpackungen.
Wird über eine spezielle Zulassungsbehörde für Nanomaterialien nachgedacht?
Die neue EU-Chemikalienverordnung REACH, geschaffen für den Umgang mit chemischen Stoffen, wird das zentrale rechtliche Instrument sein, um Nanomaterialien gesetzlichen Anforderungen zu unterziehen. Hier müssen angemessene Regelungen für die Registrierung, Bewertung, Zulassung von Nanomaterialien gefunden werden.
Weltweit wird sehr viel über eine Erhöhung der Sicherheitsforschung zur Nanotechnologie diskutiert. Reicht die in Deutschland?
Die NanoKommission plädiert für erhöhte Ausgaben, wir sind aber nach den USA neben Großbritannien sicherlich der wichtigste Akteur in Europa. Allerdings sollten wir unsere Sicherheitsforschung stärker auf die Beschaffung von Wissen für regulatorische Erfordernisse konzentrieren.
Verfolgen andere Länder andere Strategien?
Großbritannien und die USA legen ihre Forschungsstrategie ressortübergreifend fest, die Öffentlichkeit ist dazu auch in die Themenfindung einbezogen. Großbritannien setzt Schwerpunkte durch eine gezielte Auswertung der weltweiten Risikoforschung. Diesen Weg sollten wir auch in Deutschland stärker gehen.
Sollte die Begleitforschung von der öffentlichen Hand kommen?
Ja, denn wir brauchen eine unabhängige Risikoforschung. Aber auch die Industrie finanziert ihre eigene Risikobewertung, wenn sie in die Produktentwicklung geht.
Die Nanotechnik gilt als eine der Schlüsseltechnologien für die kommenden Jahrzehnte. Was muss politisch geschehen, damit sie sich auch durchsetzt?
Wir brauchen bei den laufenden Entwicklungen ein Höchstmaß an Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit. Wir müssen uns außerdem schell auf Produktgruppen verständigen, die ganz besonders Gegenstand von Sicherheitsüberprüfung und Kennzeichnung sein sollten. Das sind heute Kosmetika, Nahrungsmittel und deren Verpackung. Und schließlich sollten bei der Entwicklung neuer Produkte möglichst frühzeitig eventuelle Risiken für Mensch und Umwelt geprüft und offengelegt werden. Ein Beispiel ist hier die deutsche Innovationsallianz Carbon Nanotubes, die vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Über den Erfolg der Nanotechnik aber wird der Markt entscheiden.
Was könnte am Ende dieser Entwicklung stehen?
Wenn es einen Konsens über diese politischen Ziele gibt und der zu einer entsprechenden Strategie auf nationaler und europäischer Ebene führt, dann hätten wir bei der Nanotechnik eine Technikkultur, die sich wohltuend von früheren Entwicklungen unterscheidet. moc
Nanotechnologie in Deutschland
-Der Deutsche Bundestag forderte schon 2004 gut 5 % der gesamten für Nanotechnik zur Verfügung stehenden Mittel für Begleitforschung. Dieses Ziel ist mit derzeit gut 4 % (knapp 14 Mio. €) fast erreicht.
-Die Bundesregierung hat bereits 2006 mit der „Nano-Initiative – Aktionsplan 2010“ eine sieben Bundesministerien übergreifende Aktion gestartet. Mit der will sie die Umsetzung nanotechnologischer Forschung in Produkte beschleunigen, Innovationshemmnisse beseitigen und den Dialog mit der Öffentlichkeit über die Nanotechnologie führen.
-In diesem Kontext wurde 2006 auch die NanoKommission durch das Bundesumweltministerium eingerichtet.
-In Deutschland sind gut 750 Unternehmen mit Nanotechnologie beschäftigt. Schätzungsweise 370 machen mit Nanoprodukten mehr als 30 % ihres Umsatzes.
-Einen Überblick über die Nano-Aktivitäten in Deutschland bietet der vom Bundesforschungsministerium herausgegebene Band: nano.DE-Report 2009.
www.bmbf.de/pub/nanode_report_2009.pdf
Wolf-Michael Catenhusen
-war von 1980 bis 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages. 1998 bis 2002 und noch einmal 2003 bis 2005 war Catenhusen Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung.
-Seit 2006 ist er Vorsitzender der NanoKommission, seit 2008 Mitglied im Deutschen Ethikrat.