VDI nachrichten Logo
     

Eisenbahn: Verbindungen bis in die Kapillaren der Alpentäler - Die Unesco verleiht Titel Weltkulturerbe

Die Schweizer - ein Volk von Bahnfahrern  

VDI nachrichten, Trin, 22. 8. 08, rok - Statt auf Hochgeschwindigkeitsstrecken setzt das kleine Alpenland auf einen landesweit angewendeten Systemfahrplan mit koordinierten Anschlüssen. Die Nachfrage steigt und löst weitere Angebotsverbesserungen aus.

Die Statistik weist das Schweizervolk als die eifrigsten Eisenbahn-Nutzer aus. 350 000 Besitzer der Netzkarte, die im ganzen Land freie Fahrt mit wenigen Ausnahmen (meist touristische Anlagen) auf allen Eisenbahnen, Bussen, Straßenbahnen und sogar Schiffen erlaubt, sind ein weiterer Indikator. Und dies bei rund 7,5 Mio. Einwohnern, wovon übrigens je nach Zählweise 20 % bis 25 % Ausländer sind - auch ein Spitzenwert.

Dabei verfügt das Alpenland über keine eigentlichen Schnellfahrtstrecken. Nur zwischen Zürich und Bern sind seit Kurzem auf einigen Abschnitten Geschwindigkeiten von 200 km/h zugelassen.

Das Erfolgsrezept heißt Taktfahrplan. Er ist systematisch aufgebaut und umfasst grundsätzlich alle öffentlichen Verkehrsmittel in dem dichten Netz, woran sich neben der großen SBB (Schweizerische Bundesbahnen) eine Vielzahl von Privatbahnen, Buslinien und sogar Bergbahnen beteiligt. Sie fahren aufeinander abgestimmt und bieten bestmögliche Anschlüsse, die von den Zentren bis in die Kapillaren der Alpentäler reichen.

Dies funktioniert idealerweise, wenn die Fahrzeiten zwischen den Anschlussknotenbahnhöfen weniger als 60 min bzw. 30 min betragen. Die Nachfrage löst zunehmend Taktverdichtungen, mit Fahrgelegenheiten alle 30 min oder gar 15 min, nicht nur im Nahverkehr aus.

Da sich Gäste von außerhalb des Landes dieser Vorzüge kaum bewusst sind, beschränken sie sich bei Schweiz-Reisen meist auf die touristisch interessanten Strecken und fahren Glacier-, Bernina-Express oder Goldenpass Panoramic. Dabei ist den Gästen kaum bewusst, dass sie Linien befahren, auf denen ganzjährig ein aufs nationale Netz abgestimmtes Angebot mit "normalen" (und zuschlagsfreien) Zügen besteht. Auch sie bieten die gleichen fantastischen Ausblicke über die atemberaubenden Linienführungen in der fantastischen Alpenwelt. Keine bloße Fortbewegung zwischen Industriekomplexen, Vororten und Lärmschutzwänden, sondern es wechseln auf engstem Raum idyllische Dörfer, mit kühnen Viadukten überspannte Schluchten, Gletscherberge und Kastanienwälder. Kontraste, wie sie kaum ein anderes Land in dieser Dichte bieten kann.

Doch diese Umstände fordern Mensch und Material, wenn zu jeder Jahreszeit der sprichwörtlich pünktliche Betrieb gewährleistet werden soll. Die Unesco würdigte diese Aspekte und verlieh im Juli der Rhätischen Bahn im Bereich der Albula- und Berninastrecke das Label Weltkulturerbe.

Eine weitere Besonderheit der Schweizer Bahnen ist die bunte Vielfalt an Unternehmungen, die vereinzelt echte "Mikroorganismen" darstellen. Da gibt es beispielsweise die Chemins de fer Orbe-Chavornay. Für eine Regelspurbahn unüblicherweise mit Gleichstrom betrieben ist die Strecke nur 3,9 km lang. Doch es pendeln werktäglich 26 Zugpaare!

Oder die 1,9 km lange Zahnradbahn Rheineck-Walzenhausen. Spurweite 1,2 m. Eine einzige Weiche. Und ein einziger 50-jähriger Triebwagen rattert täglich über 20-mal rauf und runter. Bähnchen, die in anderen Ländern spätestens Kompetenzgerangel und Fantasielosigkeit zum Opfer gefallen wären. Entgegen dem Klischee der reichen Schweiz sichert Sparsamkeit und effiziente Betriebsführung das Überleben.

Sicher auch ein Grund für den kometenhaften Aufstieg des Schweizer Fahrzeugherstellers StadlerRail in die oberste Liga sind ihre innovativen Produkte, die sich aus den individuellen Erneuerungswünschen an das rollende Material entwickelt haben.

Zu all den Vorzügen gesellen sich verstärkte Anstrengungen in Richtung mehrsprachiger kompetenter Kundenbetreuung, transparente Tarifgestaltung sowie Sauberkeit und Sicherheit. Damit avancierte die Schweiz im Ausland zum Mekka für Verkehrsplaner und Eisenbahnfans. TIBERT KELLER

Artikelbewertung

lesenswert 1 2 3 4 5 6 nicht lesenswert

Gerne können Sie der VDI nachrichten Redaktion auch Ihr Feedback zu diesem Artikel mitteilen. Ihre Meinung

Top Ten
 
Copyright © 2010 VDI Verlag GmbH | Impressum