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Insight: Nanogate-Vorstandschef Ralf Zastrau über Entwicklung und Zukunft seines Hauses sowie über künftige Wachstumsmärkte

"Nano begleitet uns fast überall"  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 28. 3. 08, elb - Als eine der führenden europäischen Nanotech-Firmen sieht sich Nanogate. Das Saarbrücker Unternehmen hat rund 150 Produkte entwickelt und schreibt seit 2004 schwarze Zahlen. Im Gespräch mit den VDI nachrichten erklärt Vorstandschef Ralf Zastrau, wie Nanotechnologie den Alltag verbessert, wo die künftigen Wachstumsmärkte liegen und welche Zukunft der Nanotech-Standort Deutschland hat.

VDI nachrichten: Dem Namen nach sehen Sie sich als Türöffner für die Nanotechnologie. Ist das so?

Zastrau: Ja, Nanogate will Türöffner sein für diverse Branchen - nicht nur auf der Materialseite, sondern vor allem auf der Umsetzungsseite für die Praxis. So sehen wir in der Nanotechnologie viele Ähnlichkeiten zur Informationstechnologie. Beide erfordern "Übersetzer" von der Hardware bzw. von Ausgangsstoffen in Anwendungen. Und was bei der Informationstechnologie die Softwareindustrie geleistet hat, werden bei der Nanotechnologie die Enabler bewirken.

VDI nachrichten: Sie bezeichnen sich selbst als Enabler. Was ermöglichen oder veredeln Sie mit Ihrer Technologie?

Zastrau: Es geht darum, neue Produkteigenschaften zu ermöglichen oder Produktionsprozesse effektiver zu machen. Man kann beliebige Oberflächen, wie Keramik, Kunststoff, Metall und Textilien, mit neuen Eigenschaften - wie korrosionsschützend oder wasser- und ölabweisend - programmieren und sie veredeln. Mit Nanotechnologie lassen sich bei Textilien Schmutz und Wasser abweisen bzw. die Geruchsbildung verhindern.

Außerdem behalten Oberflächen dauerhaft ihre Farben. Wir haben Plattformen für einzelne Technologie-Bausteine entwickelt, beispielsweise für Tribologie (Reibungsminimierung), Barrieren (Korrosionsverhinderung) und Zusatzfunktionen. Diese setzen wir in der Gebäudetechnik, im Automobil- und Maschinenbau sowie im Sport- und Freizeitbereich ein.

VDI nachrichten: Sie sagten bei der Preisverleihung zum Step Award, Nanogate begleite den Menschen den ganzen Tag über. Wo helfen Sie im Alltag?

Zastrau: Wenn man morgens aufsteht und ins Bad geht, trifft man auf die nanobeschichtete und deshalb geschützte sowie leicht zu reinigende Duschkabine. Die Zeitung kommt aus Druckereien, in denen die Walzen über unsere Antihaftbeschichtungen verfügen. Das Auto fährt mit Abgasreinigungssystemen, die wir mit Nano- strukturen ausgestattet haben. Auch beim Sport sind wir präsent - wie etwa beim Skisport (verbesserte Gleiteigenschaften) oder im Wassersport (effektivere Segel).

VDI nachrichten: Ihr Unternehmen positioniert sich zwischen den Herstellern der Nanoausgangsstoffe und den Produktherstellern. Ist das der einzige erfolgreiche Weg für Nanotech-Firmen?

Zastrau: Es gibt mehrere Geschäftsmodelle. Man kann auch ausschließlich Nanoausgangsstoffe herstellen. Wir haben uns jedoch entschieden, nicht nur die Hardware oder die Ausgangsstoffe, sondern das benötigte System zu bieten. Wir liefern daher eine Gesamtlösung für Branchen auf der Basis von Plattformen mit durchgehenden Material- und Prozessinnovationen.

Unser Modell hat eine große Zukunft, denn während Hersteller von Ausgangsstoffen oft lange auf die Integration ihrer neuen Materialien warten müssen, können wir schnell agieren. Als Systempartner stehen wir auch nicht im Wettbewerb zum Kunden, sondern handeln gemeinsam.

VDI nachrichten: Experten glauben, dass in zehn Jahren jedes zweite Produkt mit Nanoeigenschaften ausgestattet sein wird. Teilen Sie den Optimismus?

Zastrau: Ja, das kann ich mir durchaus vorstellen. Bei der Effizienzsteigerung zum Beispiel wird Nanotech eine wichtige Rolle spielen. Vor allem für die bessere Nutzung von eingesetzter Energie im Automobil und Maschinenbau, aber auch bei Beleuchtungssystemen ist der Einsatz von Nanomaterialien extrem sinnvoll. Schon jetzt steckt Nano in vielen Produkten, und große Themen, wie saubere Luft und Energieeinsparungen, lassen sich ohne diese Technologie kaum nachhaltig lösen.

VDI nachrichten: Wissenschaftler warnen aber auch vor Risiken der Nanotechnologie. Partikel könnten chemische Reaktionen im Körper auslösen, und Nanotubes könnten Krebs auslösen¿

Zastrau: Wie bei jeder Technologie, die uns umgibt, bestehen neben Chancen auch Risiken - so auch bei der Nanotechnologie. Bei neuen Stoffen muss man immer genau hinschauen, wie der menschliche Körper reagiert. Insbesondere Lebensmittel sind aktuell sehr sensibel, aber unser Unternehmen ist in diesem Segment nicht tätig. Grundsätzlich gilt die isolierte Nanotechnologie, also dort wo Nanostrukturen innerhalb einer Matrix gebunden und von ihrer Umgebung isoliert sind, als unbedenklich. Aufgrund der festen Verankerung in der Matrix ist eine Gefährdung der Umwelt und des menschlichen Organismus nach heutigem Kenntnisstand auszuschließen.

Unsere Produkte können ausschließlich in diesem Bereich eingeordnet werden.

VDI nachrichten: Wie stark sind Sie im Ausland vertreten?

Zastrau: 2006 lag der Auslandsanteil noch bei knapp 20 %. Seit 2007 treiben wir jedoch die Internationalisierung stark voran. Wir konzentrieren uns dabei insbesondere auf die USA, wollen aber auch ein paar Pflöcke in Asien einschlagen.

Derzeit sind wir neben den deutschsprachigen Ländern vor allem in Spanien, England und Italien vertreten.

VDI nachrichten: Ist der Sprung in die USA geglückt?

Zastrau: Ja, im vergangenen Jahr haben wir bereits einen großen Kunden gewonnen, die lokale Prozessintegration geschafft und regelmäßige Lieferbeziehungen aufgenommen. Ab 2008 wird das US-Geschäft seinen Teil zum Umsatz beitragen.

VDI nachrichten: Planen Sie die Erschließung neuer Märkte oder die Einführung neuer Produkte?

Zastrau: Die neuen Märkte für uns sind USA, Asien und das europäische Ausland. Parallel planen wir im Rahmen unseres Wachstumsprogramms "Next" die Ausweitung des Geschäfts in den drei Bereichen Nanoplating, Optik und Advanced Composits. Der Bereich Nanoplating (Reibungsminimierung) ist ein Riesenmarkt, insbesondere für den Maschinenbau und die Autozulieferer-Branche. Auch der Bereich Optik hat ein großes Zukunftspotenzial. Wir haben optische Gitter in Kleinstform entwickelt, mit denen man die Hintergrundbeleuchtung von LCD-Flachbildschirmen oder die Leistungsfähigkeit von LEDs verbessern und die Kosten deutlich reduzieren kann. Diese sogenannte Dotfarm-Technologie haben wir uns patentieren lassen. Außerdem wollen wir den Bereich Advanced Composits ausbauen und neue Komposite für Kunststoffe und Textilien einführen.

VDI nachrichten: Soll das Wachstum auch über Zukäufe forciert werden?

Zastrau: Ich erwarte, dass sich der Markt mittelfristig zu konsolidieren beginnt. Es gibt viele kleine Unternehmen, die es schwer haben werden zu überleben, daher wird externes Wachstum in den nächsten Jahren ein Thema sein. Wir haben Erfahrungen gesammelt und in der Vergangenheit zwei Unternehmen faktisch übernommen und integriert. Mit Holmenkol und Air Products haben wir zudem zwei erfolgreiche Beteiligungen. Ich will nicht ausschließen, dass wir uns auch künftig an anderen Firmen beteiligen.

VDI nachrichten: Sie sind seit 2004 profitabel - nach IFRS. Wie nachhaltig ist die Profitabilität?

Zastrau: 2006 rutschten wir wegen der Sonderkosten des IPO nach dem HGB-Standard in die roten Zahlen, waren aber auf der Ebene des Betriebsergebnisses deutlich profitabel. Durch die Umstellung der Berichterstattung von HGB auf IFRS wurde dieser Sondereffekt relativiert und ein Gewinn von 1,1 Mio. € ausgewiesen. Auch für das Geschäftsjahr 2007 erwarten wir ein positives Ergebnis und deutliches Wachstum.

VDI nachrichten: Ihr Ziel war ein Vorsteuerergebnis von 1 Mio. €. Halten Sie daran fest?

Zastrau: Ja, die Prognose für 2007 bleibt, und 2008 wird sich die positive Entwicklung fortsetzen.

VDI nachrichten: Die Aktie war zuletzt auf Achterbahnfahrt...

Zastrau: Das vorhandene Umfeld ist einfach zurzeit schwierig für kleine Titel wie uns. Das operative Geschäft und auch gute Nachrichten spielen derzeit offenbar kaum eine Rolle für den Kapitalmarkt.

VDI nachrichten: Liegt es daran, dass immer mehr Anleger ihre Euphorie ablegen und die Branche als riskant einschätzen?

Zastrau: Es ist eine sehr junge Branche. Kleine Unternehmen müssen ihre Profitabilität beweisen und ihr Geschäftsmodell finden. In Zukunft wird diese Technologie aber weiter an Bedeutung gewinnen und systematisch zur Schlüsselbranche werden. Daher braucht man bei Nano eher eine mittelfristige Anlageperspektive.

VDI nachrichten: Deutschland gehört in der Nanotechnik-Forschung zur Weltspitze. Wird dieser Vorsprung auch in gute Produkte umgesetzt?

Zastrau: Der Markt bewegt sich international mit großen Schritten. Man redet nicht mehr darüber, ob Nanotech kommt, sondern wer als erster Produkte auf den Markt bringt. Hier sind die deutschen Firmen nicht immer ganz vorne zu finden.

Es reicht nicht, nur eine Technologie zu entwickeln. Innovation bedeutet die erfolgreiche Umsetzung in der Praxis. Insgesamt haben wir alle Chancen und Voraussetzungen, um künftig ganz vorne mitzuspielen.

VDI nachrichten: Wie gut ist der Nanotech-Standort Deutschland?

Zastrau: Technologisch ist der Standort exzellent. Bei der kommerziellen Umsetzung ist Deutschland europaweit führend, weltweit aber noch nicht optimal aufgestellt. Vieles läuft noch sehr fragmentiert in einzelnen Bundesländern ab. Es gibt oft keine optimale Infrastruktur - insbesondere bei der Umsetzung vom Labor in den Industriemaßstab.

Ansatzpunkt könnten zum Beispiel der Aufbau eines Eliteclusters sein und eine detaillierte, bundesweit integrierte Strategie für nanotechnologische Zielanwendungen.

NOTKER BLECHNER

 


 

Das Unternehmen

Nanogate zählt zu den wenigen deutschen Nanotech-Firmen, die seit Jahren rentabel sind. Für 2007 wurde ein Vorsteuerergebnis von mindestens 1 Mio. € bei einem Umsatz von mehr als 10 Mio. € angepeilt. Das 1998 als Abspaltung des Saarbrücker Leibniz-Instituts für Neue Materialien gegründete Unternehmen „veredelt“ Produkte mit zusätzlichen Eigenschaften dank chemischer Nanotechnologie. So hat Nanogate mit Duravit eine nanobeschichtete einfach zu reinigende Glasduschwand entwickelt. Druckereien nutzen Antihaftbeschichtungen von Nanogate für ihre Walzen. Und Holmenkol setzt auf Nanowax, ein weiteres Produkt von Nanogate. Mehr als 150 Produkte hat Nanogate auf Basis von Nanomaterialien entwickelt. Für innovatives Unternehmertum wurden die Saarbrücker jüngst in Frankfurt mit dem Step Award ausgezeichnet. Nicht so erfolgreich verlief der Börsengang. Seit dem Debüt 2006 im Entry Standard ist die Aktie von 39 € auf 25 € gefallen. Beschäftigt sind 53 Mitarbeiter. ble

Ralf Zastrau

Vater des Nanogate-Erfolgs ist Ralf Zastrau. Er leitet seit der Gründung 1998 das Unternehmen und entwickelte es vom Start-up zu einem der führenden europäischen Nanotech-Unternehmen. Zastrau trimmte Nanogate fit für die Börse. Der Jungmanager arbeitete zuvor bei ABB in der strategischen Unternehmensentwicklung und als Controllingleiter bei einer mittelständischen Firma. Als Diplom-Kaufmann und Wirtschaftsinformatiker kennt er sich sowohl mit Zahlen als auch mit Technik aus. ble

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