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Insight: Gildas Sorin, CEO Novaled AG, Dresden, über leuchtende Tapeten, leuchtende Umsatzerwartungen am Lampenmarkt und leuchtende Innovationen aus Sachsen

"Wir stehen kurz vor einer Beleuchtungsrevolution"  

VDI-nachrichten, Dresden, 12. 9. 08, elb - 2001 als Start-up gegründet und seit 2003 aktiv am Markt, mauserte sich das Technologieunternehmen binnen Kurzem zum Weltmarktführer bei der Entwicklung von Strukturen und Material für organische Leuchtdioden (OLED). Alle großen Displayhersteller arbeiten heute mit den sächsischen Innovationen. Denn die nanometerdünnen organischen Halbleiter bereiten den Weg zu rollbaren und hocheffizienten Displays mit brillanten Farben und höchstem Kontrast. Vorstand Gildas Sorin im Gespräch.

VDI nachrichten: Herr Sorin, bescheren Ihnen Ihre Fensterscheiben bereits den ewigen Tag?

Sorin: Nein, aber es ist nicht mehr weit bis dahin. Wir stehen kurz vor einer Revolution in der Beleuchtung. Bald gibt es Fenster, die am Tag wie immer den Blick nach außen erlauben, bei Dunkelheit aber sonnenhelles Licht erzeugen.

VDI nachrichten: Möglich wird das durch organische Leuchtdioden, die OLEDs, wie Sie sie entwickeln. Woraus bestehen diese?

Sorin: OLEDs sind ultradünne (1/50stel eines Haares), leuchtende Bauelemente aus organischen, halbleitenden Materialien. Sie bestehen aus mehreren Schichten, die zwischen Anode und Kathode eingebettet sind. Mindestens eine Elektrode muss transparent sein, damit Licht austreten kann. Verwendung finden diese Leuchtdioden für Displays aber auch für neuartige Signale bzw. Anzeigen und vor allem für Beleuchtungen im Innen- und Außenbereich. Im Gegensatz zur Glühlampe oder Kunststoffröhre wirkt das erzeugte Licht dann nicht als Punkt oder Linie, sondern als Fläche.

VDI nachrichten: Die Technologie ist gut 20 Jahre alt, warum kommt erst jetzt der Durchbruch?

Sorin: Es gab maßgebliche Probleme zu beheben - wie die Effizienz, die Lebensdauer und die Größe der organischen Leuchtdioden. All das ist nun weitgehend gelungen. So werden OLED-Displays herkömmliche LC-Displays in vielen Faktoren - wie etwa der Bildqualität - übertrumpfen. Im Bereich Beleuchtung stand Novaled im Zentrum des EU-geförderten Projekts OLLA, bei dem wir mit Partnern Leuchten entwickelt haben, die eine Betriebsdauer von 100 000 Stunden erreichen. Damit sind sie Glühbirnen weit überlegen und Neonröhren gleichwertig.

VDI nachrichten: Und was die Lichtausbeute betrifft?

Sorin: Hier erreichen wir derzeit 51 Lumen je eingesetztem Watt. Neonröhren kommen auf 70, Energiesparlampen auf 40, Glühbirnen auf 12 bis 20 Lumen. Maßgeblich ermöglicht das die von uns entwickelte Dotierungs-Technologie für effiziente OLED-Lichtquellen. Hinzu kommt, dass OLEDs selbst leuchten und ohne Lampenhülle, die bis zur Hälfte der Lichtmenge frisst, auskommen. Anders als Neonröhren oder Energiesparlampen benötigen sie auch kein giftiges Quecksilber. Inzwischen bearbeiten wir mit führenden europäischen Partnern das Nachfolgeprojekt OLED100.eu. Bis 2011 soll damit der Wirkungsgrad auf 100 Lumen steigen. Die PIN-Technologie von Novaled hat das nötige Potenzial dafür. Auch die Lebensdauer wollen wir auf über 100 000 Stunden ausdehnen.

VDI nachrichten: Für welche konkreten Zwecke bieten sich OLEDs bevorzugt als Lichtquelle an?

Sorin: Für visionäre Innenraumleuchten, Hinterleuchtung der LCD, Notbeleuchtungen, Anzeigen/Signale, Werbeflächen. Weiße leuchtende Kacheln mit einer Fläche von 20 x 20 cm sind für uns bereits kein Problem mehr. Einer unserer zwei Forschungsschwerpunkte in Sachen OLED-Material und -Strukturen besteht darin, diese Flächen permanent zu vergrößern.

VDI nachrichten: Bei Displays ist die Industrie bereits weiter als im Leuchtmittelbereich. Warum?

Sorin: Das rührt aus den Herstellungskosten. Bisher werden OLEDs auf Glasscheiben gefertigt, wie man sie bei LCD benötigt. Das macht es preislich akzeptabel. Für Beleuchtungssysteme reicht das nicht. Hier arbeiten wir an neuen Konzepten, die die Möglichkeit zur Verformung der hauchdünnen OLEDs nutzt.

VDI nachrichten: Die ersten Aktiv-Matrix-OLED-Displays sind am Markt, etwa für Handys. Wie geht es weiter in diesem Bereich?

Sorin: Sony hat bereits einen 11 Zoll großen TV-Bildschirm vorgestellt. Ende 2008 soll er auch in Europa erhältlich sein. Für 2009 avisiert Sony dann ein 14-Zoll-Display. Auch Samsung arbeitet an Displays zwischen 14 Zoll und 28 Zoll. So werden die Sichtgeräte, ähnlich wie damals bei LCD, Schritt für Schritt größer. Große TV-Displays auf Glas gibt es wohl in vier, fünf Jahren. Und alle testen auch unsere Technologien.

VDI nachrichten: Aber die Kosten liegen noch deutlich über LC-Displays. Wie lange noch?

Sorin: Samsung will in ein, zwei Jahren kleine OLED-Displays, wie man sie in Handys hat, zum Preis von LCD herstellen. Bei Monitoren mit 30 Zoll Größe dauert es sicher noch einige Jahre. Doch der Trend ist da und längst unaufhaltbar.

Das belegt gerade Nokia. Hier hat man verkündet, in Kürze nur noch LCD-Zulieferer zu beauftragen, die in großen Stückzahlen OLED-taugliche Aktiv-Matrix-Displays fertigen können.

VDI nachrichten: LC-Displays kommen fast durchweg aus Asien. Ist das noch umkehrbar?

Sorin: Europa hat zu lange gewartet. Unsere großen Hersteller verdienten eben gut an Bildröhren. So haben sie den Schwenk zu den flachen Displays verpasst. Das lässt sich wohl nicht mehr aufholen. In Japan, Südkorea, Taiwan und China hat sich diesbezüglich zu viel an Industriepotenzial und Know-how versammelt. Nein, wir Europäer müssen uns nun anderweitig fokussieren - auf die Beleuchtung. Hier ist noch viel zu holen.

VDI nachrichten: Noch verdienen zwei Gruppen auf diesem Markt - die Lampen- und die Leuchtmittelhersteller. Wer macht das Rennen, wenn Lampe und Birne zu einem Produkt verschmelzen?

Sorin: Das fragen wir uns auch. Wir sind deshalb in engem Kontakt zu beiden. Und der Markt ist beträchtlich. Weltweit setzt diese Branche 90 Mrd. $ im Jahr um, wobei nur 20 % auf die Leuchtmittel entfallen.

Dass diese Seite nun Dampf macht, sah man im Mai in Frankfurt. Hier stellte Osram zur Lichtmesse mit dem Designer Ingo Maurer die erste OLED-Tischleuchte vor. Auch Mitsubishi hat schon eine Tochterfirma für Fahrzeugleuchten auf dieser Basis.

VDI nachrichten: Wie schnell kann dieser Markt wachsen?

Sorin: Ich meine, in fünf, sechs Jahren sind mit OLED-Leuchten weltweit 1 Mrd. $ Umsatz möglich. In zehn Jahren, so höre ich oft in dieser Branche, dominieren Glühlampe und Neonröhre schon nicht mehr. Bis 2023 könnten die Spezialdioden dann alle herkömmlichen Lampen ersetzen.

VDI nachrichten: All das erzeugt Begehrlichkeiten. Wie lange bleibt Novaled noch allein?

Sorin: Irgendwann schauen sich unsere Shareholder, denen wir sehr viel verdanken, nach neuen Investitionsfeldern um. Dann müssen auch wir reagieren.

Im Moment bevorzuge ich den Gang an die Börse. Aber wenn sich eine lohnende Kooperation mit einem großen Partner anbietet, der zu uns passt, sind wir auch hier nicht generell abgeneigt. Denn wir werden Geld brauchen, um unsere Forschungen und das Angebot an den Markt weiter betreiben und die Firma ausbauen zu können.

VDI nachrichten: Wollen Sie angesichts der anziehenden Nachfrage nicht selbst produzieren?

Sorin: Unsere Stärken liegen bei Technologie und Material. Als ServiceAnbieter entwickeln wir u.a. Materi-alien zur Dotierung, die wir dann in Massenproduktion in einer Schweizer Foundry, der Firma Ciba herstellen lassen. Wollten wir eine OLED-Produktion aufziehen, müssten wir 2 Mrd. € oder 3 Mrd. € investieren. Eine kleine Fertigungsstraße von Kleinserien zur Herstellung von OLED-Mustern und Prototypen haben wir aber. Hier produzieren wir mit 30 eigenen Leuten gut 160 000 Stück im Jahr. Für größere Serien ist unser Partner zuständig, das Fraunhofer-Institut IPMS.

VDI nachrichten: Haben Sie keine Angst vor konkurrierenden Technologien? Auch die LCD-Technik erweist sich als erstaunlich innovativ. Eine Alternative könnte ebenso die Feldeffekt-Technologie sein.

Sorin: Die Hersteller von Flow-Displays sehen wir nicht als Konkurrenz, denn auch ein OLED-Display braucht die TFT-Aktiv-Matrix, die wir heute im LCD haben. Ich meine, die LCD-Industrie hat nur Vorteile, wenn sie OLED forciert. Damit kann sie bessere Produkte auf den Markt bringen und zugleich weiter ihre vorhandenen Kompetenzen und Investitionen nutzen. Denn 70 % des Preises bei einem LCD rühren aus dem Know-how für die TFT-Aktiv-Matrix. Zugleich wird ein OLED-Display billiger als ein LCD, denn die Konstruktion ist einfacher.

VDI nachrichten: Abschließend ein Blick nach vorn: Mit organischen Leuchtdioden verbinden sich auch Bilder von leuchtenden Tapeten und gewaltigen flexiblen Panels. Welche Einsatzfelder sind noch denkbar?

Sorin: Manches ist noch Vision, aber technisch denkbar. Vielleicht kauft man in einigen Jahren OLED-Folien quadratmeterweise und klebt sie wie Tapete an die Wand. Designer arbeiten auch an mit OLEDs überzogenen Autos, die nachts leuchten.

HARALD LACHMANN

 


 

Gildas Sorin

Der 56-jährige Pariser lebt schon sein halbes berufliches Leben in Deutschland. Nach dem Elektronikingenieur-Studium im französischen Angers entwickelte er ab 1977 in zumeist verantwortlichen Positionen erst für Thomson und ab 1998 für Philips Plasma-Bildschirme. Als man ihm 2003 die Geschäftsleitung von Novaled anbot, lebte er im Schwarzwald. So zögerte er zunächst. "Dresden? Da ist doch alles kaputt!", soll er gesagt haben. Heute outet er sich als ein großer Liebhaber der Stadt. Sie bildet für ihn und seine Frau den Lebensmittelpunkt, während vier seiner fünf Kinder in Frankreich leben. Dienstlich wie privat reist Sorin gern und viel, unlängst auch einmal in die Antarktis. hl

Das Unternehmen

Die Anfänge von Novaled reichen in das Jahr 2001 zurück. Das Unternehmen entstand als Ausgründung der TU Dresden und des Fraunhofer-Instituts IPMS Dresden. Von Beginn an bearbeitete Novaled weltweit beachtete Zukunftsthemen: Forschung, Entwicklung und Vermarktung von OLED-Technologien für ultraflache Bildschirme und neuartige Beleuchtungen. Die zumeist französischen Hauptinvestoren sind heute Crédit Agricole Private Equity, TechFund und CDC Entreprises Innovation, hinzu kommt der deutsche Risikokapitalgeber TechnoStart. Heute ist Novaled Weltmarktführer in diesem Segment und erwirtschaftet seine Umsätze durch den weltweiten Verkauf von Know-how, OLED Material und Entwicklungsmustern an Display- und Leuchtmittelhersteller. Rund 70 % davon werden im Ausland generiert. Seit Jahren legt das Unternehmen zweistellig zu. 2007 kletterte der Umsatz um 60 % auf 5,3 Mio. €, 2008 sind 7,5 Mio. € avisiert und für 2010/11 rund 20 Mio. €. Die Mitarbeiterzahl liegt derzeit bei 110. hl

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