VDI nachrichten, 29.5.2009
Vitamin B für den Berufseinstieg: Bildungsfonds, Kombiangebote Studium/Lehre oder auch enge Kontakte zu Ingenieurdienstleistern sind Maßnahmen, mit denen Unternehmen in der aktuellen Konjunkturdelle Absolventen und Studenten binden wollen. VDI nachrichten, Düsseldorf, 29. 5. 09, Fr
In Internetforen wie www.studis-online.de geht die Angst um. User "Stibizi" aus Stuttgart hat Bedenken, "ob es für den Maschinenbau überhaupt nochmal gut wird". Der Maschinenbau-Student ist zwar erst im zweiten Semester, befürchtet aber, er könne wegen Wirtschaftskrise und Einstellungsstopps nach dem Abschluss keinen Job finden. Und das, wo doch Ingenieure vor Kurzem überall gesucht wurden. Bis zu 90 000 fehlende Fachkräfte hatten Verbände und Kammern noch im Sommer 2008 proklamiert.
Auf lange Sicht scheinen Stibizis Gedanken unbedenklich: "In den nächsten Jahren scheiden viele Ingenieure altersbedingt aus dem Berufsleben aus", stellte VDI-Direktor Willi Fuchs vor Kurzem fest. Die nachrückenden Berufsanfänger könnten die Lücke nicht füllen. Für Absolventen des Sommers 2009 ist das jedoch ein schwacher Trost. Beispiel Hermann Weinzierl. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Kempten im Allgäu war für den Studenten an der Münchner Hochschule früh klar: Ich will Autos entwickeln. "Bereits in der achten Klasse habe ich diesen Entschluss gefasst", erzählt der 25-Jährige, der schon als Kind half, Landmaschinen zu reparieren. Im September will er sein Studium der Fahrzeug- und Flugzeugtechnik mit Diplom abschließen.
Doch die Zeiten haben sich geändert seit er vor vier Jahren mit dem Studium begann. Weinzierls Problem: die Autokrise. Hersteller, Zulieferer und Ingenieurbüros stellen derzeit kaum oder keine neuen Leute ein. Stattdessen hoffen die Automobilisten auf bessere Zeiten. Lediglich in den Entwicklungsabteilungen der Konzerne brennen nachts die Lichter. In den Produktionen von Mercedes und Co. wird seit Monaten kurz gearbeitet. Opel kämpft ums Überleben. Schlechte Zeiten für junge Fahrzeugbauer.
Weinzierl will sich mit der Situation nicht abfinden. Vor gut einem Jahr hörte er in einem Vortrag an der Münchner Fakultät vom Festo Bildungsfonds. Worauf er sich um die finanzielle Förderung bewarb und nach einer gründlichen Prüfung genommen wurde. Zu seinen 500 [eur] Bafög erhält der Student seither monatlich 800 [eur] aus dem Fonds. "Mit diesem Geld kann ich ein halbes Jahr im Ausland Berufserfahrung sammeln und anschließend promovieren", sagt Weinzierl. Er hofft, nach der so überbrückten Zeit besser qualifiziert schneller einen Job zu finden.
"Dabei können wir helfen", sagt Peter Speck. Der frühere Personalchef von Festo kümmert sich im Auftrag der Gesellschafter des Automatisierungsspezialisten mit Sitz in Esslingen als Verantwortlicher um den Bildungsfonds. Zum Service des Fonds gehört neben der finanziellen Förderung ein Unternehmensnetzwerk. Firmen wie Aesculap, Sick, Heldele und die GEA Group strecken gezielt über den Fonds ihre Fühler nach jungen Talenten aus. Eine Vitamin-B-Tankstelle für Studenten, die auf Jobsuche sind. Speck meint: "Wir haben hierzu Überbrückungsalternativen entwickelt."
Die Aesculap AG aus Tuttlingen denkt sogar noch weiter: Falls Personalchef Norbert Feldhaus interessante Initiativbewerbungen von Hochschulabsolventen ins Haus flattern, will er die jungen Menschen an den Medizintechnikspezialisten binden. "Talente, die wir heute nicht an Bord holen, fehlen uns morgen", ist sein Argument. Doch weil das An-Bord-holen aktuell schwierig ist - auch Aesculap ist mit Personalaufbau in Krisenzeiten vorsichtig - ist die Förderung über den Bildungsfonds "eine gute Möglichkeit, sich junge Absolventen zu sichern, ohne finanziell sofort belastet zu werden", meint der Personalchef.
Denn der Deal sieht vor, dass sich Unternehmen erst an der Rückzahlung des Darlehens beteiligen oder es komplett übernehmen. Solange die Studenten promovieren, nach dem Bachelor den Master oder einen MBA draufsatteln, springt der Bildungsfonds als Zwischenfinanzierer ein.
Einen anderen Weg geht die Terex Demag GmbH aus Zweibrücken. Um Ingenieure in der Krise nicht an sich zu binden, kooperiert der Mobilkranhersteller mit einem Personaldienstleister. Der entsendet junge Berufsstarter wie Dominik Peters ins Saarland. Die Konstruktionsabteilung von Terex ist für den Maschinenbau- und Informatik-Ingenieur derzeit die Ideallösung. "Bisher fahre ich mit den Projekteinsätzen sehr gut", sagt der 29-Jährige. Noch während des Studiums hatten die Scouts des Mannheimer Personaldienstleisters Hays das Stellenprofil des hoch Qualifizierten auf der Internetjobplattform monster.de gesichtet, ihn angeworben und ihm einen Job bei Heidelberger-Druck vermittelt.
Als der Maschinenbauer im letzten Jahr wegen Auftragseinbruchs alle externen Ingenieure entließ, bekam Peters von den Mannheimern das Angebot, bei Terex zu arbeiten. Für Hays-Sprecher Frank Schabel zeigt sich seit Monaten, dass Firmen zum einen gutes Personal halten wollen, um durchstarten zu können, wenn die Wirtschaft wieder anzieht. Zum anderen nutzen sie Personaldienstleister, um auch in Zeiten mit dünnen Auftragsbeständen ihre Forschungstätigkeiten nicht zurückschrauben zu müssen. "Wir merken, dass gerade jetzt flexible Beschäftigungsmodelle gefragt sind", sagt Schabel.
Spannend auch die Strategie, die die Firma Heldele aus Salach bei Göppingen verfolgt. Der Elektro- und Kommunikationsspezialist bindet junge Fachkräfte an sich, indem er ihnen anbietet, Lehre und Studium zu verknüpfen. Mechatronik Plus nennt sich dieses Modell, bei dem junge Leute im Wechsel mit Praxiszeiten im Betrieb an der Hochschule in Göppingen studieren. "Nach zehn Semestern hat unser Nachwuchs ein IHK-Zeugnis und einen Bachelor in der Tasche", sagt Bernd Forstreuter. Der Heldele-Geschäftsführer ist froh, mit dem Lehre-Studium-Modell jungen Leuten eine Perspektive geben zu können. "Das ist vor allem in der Krise wichtig, um Talente halten zu können", sagt er. Übrigens: Gefunden werden Firmen, die Mechatronik-Plus anbieten, über einen Internetblog: www.mechatronikplus.de. Vielleicht hätte auch "Stibizi" aus Stuttgart hier vorbeischauen sollen, statt einfach drauf los zu studieren. MICHAEL SUDAHL
Bildungsfonds: Studieren statt Kellnern
Ein Bildungsfonds hilft Studenten, sich voll auf ihr Studium zu konzentrieren – ohne nebenher jobben zu müssen. Das Prinzip ist immer gleich: Er unterstützt bei Lebenshaltungskosten oder Studiengebühren.
Nach ihrem Berufseinstieg zahlen die Absolventen einen vereinbarten Prozentsatz ihres Bruttoeinkommens über einen festgelegten Zeitraum an den Bildungsfonds zurück.
So entsteht ein Generationenvertrag für Ingenieure. Denn die Rückzahlungen werden wieder zu finanziellen Förderungen für neue Studenten.
Im Vergleich zu Studienkrediten zahlen die Studenten keine fixen oder variablen Zinsen.
Bildungsfonds finanzieren den Lebensunterhalt mit bis zu 1000 € monatlich (maximale Förderung 40 000 €), Studiengebühren und Kosten für die Anschaffung eines Notebooks oder die Studienreise nach China. Die Summe, die bewilligt wird, wie auch die Rückzahldauer und -höhe orientieren sich an leistungsorientierten Auswahlkriterien verbunden mit Karriereaussichten.
Vermögen und Status der Eltern spielen keine Rolle. Derzeit sind es knapp mehr als 500 Bewerbungen und mehr als 115 Verträge. Am Fonds beteiligen sich 16 Firmen. ms