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Der Spielmacher  

Energiemanagement: Vor seinem Fachwissen ziehen auch Kritiker den Hut. Dass Michael Sailer nicht nur als Leiter des Öko-Instituts, sondern auch als Mitglied von Fachgremien in Atom- und Entsorgungsfragen hohes Ansehen genießt, ist auch seinem Ruf als exzellentem Mediator geschuldet. VDI nachrichten, Freiburg, 12. 2. 10, ws

Er ist nach eigener Aussage "berüchtigt", Menschen verschiedener Anschauungen zur Kooperation bewegen zu können. Wenn man mit Michael Sailer zusammengesessen hat, gewinnt man einen Eindruck, mit welchen Mitteln er dieses Kunststück fertigbringt. Sailer, seit November 2009 Geschäftsführer des Öko-Instituts, strahlt Ruhe und Vertrautheit aus. Der 56-Jährige redet mit Bedacht, vorgestanzte verbale Schnellschüsse wird man von ihm nicht hören.

Dabei muss der Diplom-Chemie-Ingenieur, der an der Technischen Hochschule Darmstadt (TU Darmstadt) studierte, nicht nur an den drei Öko-Instituten in Freiburg, Darmstadt und Berlin die Teams bei Laune halten, auch in hochrangigen Fachgremien sind seine Führungsfähigkeiten gefragt. Hohe Sachkompetenz in kerntechnischen Fragen, nüchterne Analyse und die Bereitschaft, mit der eigenen Meinung im Lager der Atomkraftgegner nicht immer auf Beifall zu stoßen, haben ihm den Respekt seiner Kritiker eingebracht. Von 2002 bis 2006 war Sailer Leiter der Reaktorsicherheitskommission im Umweltministerium, seit 2008 ist er dort Vorsitzender der Entsorgungskommission.

Seine "hervorragenden Kommunikationsfähigkeiten", die ihm von nahezu allen Seiten bescheinigt werden, basieren vor allem auf dem Grundsatz, dass Erkenntnisgewinn nur auf hohem wissenschaftlichen Anspruch beruhen kann. "Die Opposition gegenüber den Kernkraftbefürwortern war zwar Ende der 70er-Jahre die Gründungsidee des Öko-Instituts", erinnert sich Sailer, "aber nicht der puren Opposition wegen, sondern weil etablierte staatliche Organisationen nicht zugänglich waren oder falsche Informationen weitergaben."

Damals machten sich Strömungen innerhalb des Instituts für universitätsähnliche Strukturen stark, mit periodisch wechselnden Teams in Projektgruppen. "Langfristig kann ein Institut nur überleben, wenn sein wissenschaftliches Know-how auf der Grundlage und den Erfahrungen fest verankerter Teams beruht, war ich mir sicher." Sailer setzte sich durch. Das System hauptamtlicher Mitarbeiter habe sich bewährt.

Der zweite wesentliche Grundsatz war die politische Unabhängigkeit. "Wir haben uns gesagt: Es kann nicht sein, dass wir eine Partei exklusiv bedienen." In den 80er-Jahren war die Bindung zu SPD und Grünen dann zwangsläufig doch am größten. "Wir haben uns bemüht, mit mehr Leuten ins Gespräch zu kommen. Das war damals nicht leicht. In den vergangenen zehn Jahren haben sich auch die konservativeren Parteien geöffnet."

Das aus sozialdemokratischen Kreisen um den Parteilinken Erhard Eppler entstandene Öko-Institut will Michael Sailer heute nicht als vorrangig politische Einrichtung sehen, sondern als fachlich anerkanntes Beratungsteam mit knapp 130 Mitarbeitern, darunter rund 40 Ingenieuren aus den Bereichen Umwelt, Chemie, Wirtschaft und Elektrotechnik.

Umweltfragen ins Zentrum der Gesellschaft rücken und die Energiewende herbeiführen - darum ging und geht es Michael Sailer, seitdem er Anfang der 80er-Jahre eine Dependance des Öko-Instituts in Darmstadt aufbaute. Das Ziel sei im Großen und Ganzen erreicht. Gemeinsame Projekte mit Auto- und Chemieindustrie zeugen von der breiten Akzeptanz des Öko-Instituts.

"Es wäre gut, so schnell wie möglich auf regenerative Energien zu setzen"

Wie andere Initiativen mussten auch die Freiburger Aktivisten Lehrgeld zahlen. "Wir haben uns früher gedacht: Kommt, wir erarbeiten technische Vorschläge und die werden dann umgesetzt. Die Welt aber besteht aus mehr als aus Technik und Naturwissenschaften, sie besteht auch aus einem interagierenden System. Ich muss mich fragen, ob es rentabel und fürs Image gut ist und ob es sich für die Bestandskraft der Organisation auszahlt. Welche Spieler sind beteiligt? Wie nutze ich ihre Stärken, wie bringe ich sie an einen Tisch?"

Die Kommandobrücke ist für Sailer nicht der geeignete Ort. Mit Argumenten überzeugen, um Menschen für die Arbeit zu begeistern - dieses Prinzip beherzigt Sailer sowohl innerhalb des Instituts als auch in den verschiedensten Gremien mit großem Erfolg.

Flexibilität im Umgang mit anderen birgt aber die Gefahr, sich dem Vorwurf der Anbiederung auszusetzen. So blieb Sailer der Vorwurf nicht erspart, auf die Seite der Kernkraftbefürworter gewechselt zu sein. "So lange die Gesellschaft sich nicht definitiv für oder gegen die Kernkraft entscheidet, gilt es, sich mit ihrer Existenz zu beschäftigen und Atomkraftwerke so sicher wie möglich zu machen", erwidert Sailer.

Wäre das erreicht, so hieße das noch lange nicht, "dass dann der Öko-Stempel draufkommt. Ich halte es nach wie vor für nicht ausgeschlossen, dass wir schwere Unfälle haben". Langfristig brauche man keine Kernkraftwerke. "Aus unserer Sicht wäre es gut, so schnell wie möglich auf regenerative Energien zu setzen. Das klingt nicht nur schön ökologisch, sondern könnte auch zeigen, wozu deutsche Technik in der Lage ist." Deutschland habe die einmalige Chance, eine Vorbildfunktion in zeitgemäßer Energieversorgung einzunehmen. "Das Potenzial der Kernkraft hat auch wirtschaftlich ausgespielt, das schafft keine Arbeitsplätze mehr."

Dass Michael Sailer lieber bedächtig als übereilt zum Ziel kommen möchte, könnte sowohl an seinen fränkisch-schwäbischen Wurzeln als auch an seiner Sozialisation liegen. Als ältestes von sechs Geschwisterkindern musste der kleine Michael früh Verantwortung übernehmen. "Auch bei den Pfadfindern habe ich viel gelernt. Wenn man im Alter von 14 Jahren eine Gruppe tagelang durch den Wald führen muss, bleibt einiges hängen - auch die Erkenntnis, Leuten auf die Füße treten zu müssen." Mit solchen Erfahrungen sei er gereift. "Vor Herausforderungen erschrecke ich heute so schnell nicht mehr." W. SCHMITZ


Das Öko-Institut im Überblick  

 

-Das Öko-Institut mit Standorten in Freiburg, Darmstadt und Berlin entstand 1977 aus SPD-nahen Bürgerinitiativen. Die Gründungsmitglieder, Ingenieure, Chemiker, Physiker, Theologen und Juristen, fühlten sich dem Widerstand gegen das Kernkraftwerk Wyhl und umweltbewusstem Denken verbunden. Das Öko-Institut sollte der Gruppe die wissenschaftlichen Argumente liefern. Heute beschäftigt das Institut über 130 Mitarbeiter, darunter rund 100 Wissenschaftler. Es ist in fünf Bereiche gegliedert: Energie und Klimaschutz, Infrastruktur und Unternehmen, Nukleartechnik und Anlagensicherheit, Produkte und Stoffströme, Umweltrecht und Governance. Michael Sailer ist seit November 2009 Sprecher der Geschäftsführung und vor allem zuständig für die Themen „Nukleare Sicherheit“ sowie „Entsorgung von radioaktiven Abfällen“. ws

www.oeko.de

 

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