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Dienstag, 24. April 2018

Stromnetze

Das deutsche Fiasko

Von Stephan W. Eder | 12. April 2018 | Ausgabe 15

Technologien für Smart Grids „made in Germany“ – kein Problem. Das zeigt die Hannover Messe Ende April. Nur beim Verbraucher in Deutschland wollen sie nicht ankommen.

w - Aufmacher BU
Foto: Eon Metering

Im Pilotprojekt gibt es Smart Meter schon. Von der Verbreitung in jedem Haushalt sind sie noch weit entfernt.

Energiewende möglich machen, gleichzeitig den Strom cleverer nutzen – all das sollen Smart Grids leisten. Die Technologien dazu – längst verfügbar, schaut man sich eine Leistungsschau wie die kommende Hannover Messe Ende April an. An einer Ecke aber hapert es: an der Schnittstelle zum Verbraucher. Zum Endverbraucher wohlgemerkt. Sogenannte Smart Meter sollen dort althergebrachte Stromzähler ersetzen.

Aus Sicht des Stadtwerkeverbunds VKU sind digitale Stromzähler „für die Energiewende unabdingbar“. Laut Gesetz sollen Kunden mit einem Jahresstromverbrauch von über 6000 kWh ab 2020 mit ihnen auszustatten sein. Die Frist werde wohl nicht zu halten sein, so der VKU letzte Woche.

Es ist nicht die erste Verschiebung: Seit der Kosten-Nutzen-Analyse im Jahr 2013 zu einem „flächendeckenden Einsatz intelligenter Zähler“ steht die Sicherheit der Systeme im Vordergrund. Jedes Jahr hofft die Branche erneut, dass sie loslegen kann. Hersteller, Versorger, Dienstleister – alle machen seit Jahren mit und stehen Gewehr bei Fuß. Aber es geht kaum voran: ein Fiasko.

Hintergrund: Ein Smart Meter darf aus Gründen des Datenschutzes seine erhobenen Informationen nicht einfach so über irgendeine Leitung schieben. Das erfolgt über sogenannte Gateways. In ihnen steckt in Deutschland der Kern der Sicherheitstechnik. Die zertifiziert das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in Bonn. Von gleich drei unabhängigen Herstellern muss es zertifizierte Geräte geben – sonst gibt es keinen Rollout. Doch noch hat kein Gateway die BSI-Zertifizierung erhalten. Neun Hersteller haben Geräte eingereicht, teils schon vor Jahren. Das BSI schweigt über die Gründe – „Vertraulichkeit“, so ein Sprecher.

Die Branche selbst mag nicht so recht meckern: „Der Zertifizierungsprozess ist komplex und anspruchsvoll. Sowohl das BSI als auch die Hersteller betreten Neuland“, sagt Nikolaus Starzacher vom Gerätehersteller Discovergy. „Das BSI nimmt seine Aufgabe zu Recht sehr ernst und lässt sehr gründlich prüfen.“

Eine gute Nachricht ist, dass nicht öffentliche Stromnetze, also in großen Gebäudekomplexen und Produktionsanlagen, nicht auf das BSI warten müssen. Die Smart Meter sind ja längst verfügbar, die entsprechende Netztechnik und das Energiemanagement auch. Diese Früchte lassen sich also heben. Gut für die Industrie.

„Wir begrüßen eine zeitnahe Zertifizierung, um die Zukunftschancen, die sich durch die intelligenten Messsysteme ergeben, nutzen zu können und die Digitalisierung der Energiewende voranzubringen“, so der Energiekonzern Eon. Er hat im März 16 000 Gateways beim Mannheimer Anbieter PPC geordert. Auf die Zertifizierung warten die Essener bisher vergebens.

Seiten 20 bis 23